Marktplatz Mittelstand - Die Briefmeisterin

Interview des WDR

Anlässlich des Valentinstages hat der WDR das folgende Interview zum Thema „Liebesbriefe“ mit mir geführt und am 14.02.2013 veröffentlicht. Danke noch einmal an Frau Nina Magoley für das nette Gespräch!

 

 

Liebesbriefe professionell: "Ich liebe dich" sollte schon sein

 

Ein Liebesbriefchen zum Valentinstag würde manch einer gern schreiben - bloß wie? Die "Briefmeisterin" schreibt Liebesbriefe im Auftrag anderer. Sie bringt die Gefühle fremder Menschen zu Papier - und wird dabei manches Mal zur Beziehungstherapeutin.

 

Schreiben lag ihr eigentlich schon immer: 17 Jahre lang saß Petra Tessarek als Sekretärin im Büro eines Rechtsanwalts. Zunächst schrieb sie nach Feierabend Briefe für Bekannte, die sich das selber nicht zutrauten - Beschwerden, Bewerbungen, private Briefe. Als die Aufträge mehr wurden, beschloss die heute 42-Jährige aus Porta Westfalica, sich hauptberuflich als professionelle Briefeschreiberin selbstständig zu machen. Kurz vor dem Valentinstag bekommt die "Briefmeisterin", wie sie sich nennt, besonders viele Anfragen für Liebesbriefe.

 

WDR.de: Wer wendet sich an eine wildfremde Frau, um sich einen persönlichen Liebesbrief schreiben zu lassen?

 

Petra Tessarek: Ganz unterschiedlich: Von der 17-Jährigen bis zum Rentner, vom Arzt bis zum Handwerker. Im Schnitt sind die Kunden Mitte Dreißig. Der Anteil von Männern und Frauen hält sich ungefähr die Waage.

 

WDR.de: Haben Männer und Frauen unterschiedliche Vorstellungen?

 

Tessarek: Männer kommen meist notfallmäßig, wenn es schon fast zu spät ist, wenn die Frau schon mit den Koffern durch die Tür ist. Die sind dann oft völlig überrascht und verzweifelt und wollen sich mit einem Brief entschuldigen, sagen "bitte komm zurück, es tut mir leid". Frauen schreiben dann, wenn sie glücklich sind. Die sind meist frisch verliebt und möchten ihre Gefühle loswerden. Allerdings wollen die meisten nicht direkt ein "ich liebe dich" ausdrücken, um den Partner nicht zu verschrecken. Der Mann soll nicht schon den Ehering blinken sehen und womöglich die Flucht ergreifen. Fast alle betonen vor allem die Geborgenheit, die sie bei dem Mann empfinden. Das kommt bei den meisten Männern auch gut an. Wenn mich ältere Menschen anrufen, dann geht es meistens um kürzere Briefchen mit ein paar Nettigkeiten, wie "danke für die schöne Zeit", oft sogar ohne besonderen Anlass. 

 

WDR.de: Wie gehen Sie dann vor?

 

Tessarek: Erstmal führe ich ein längeres Gespräch, das ich in Stichpunkten mitschreibe. Dabei geht es darum, was die Leute rüber bringen wollen, und vor allem auf welche Art. Manche möchten möglichst viel Pathos darin haben, andere wollen es möglichst locker.

 

WDR.de: In dem Gespräch erfahren Sie dann wahrscheinlich sehr viel Persönliches.

 

Tessarek: Klar. Oft staune ich darüber, wie sehr sich die Kunden im Gespräch mit mir öffnen, mit teilweise intimsten Details. Manchmal entwickeln Kunden auch den Wunsch, mit mir in Kontakt zu bleiben. Weil sie mir so viel Persönliches über sich erzählt haben, dass sie das Gefühl haben, ich müsste sie schon gut kennen.

 

WDR.de: Sollte ein Brief so klingen, als hätte ihn der Kunde selber geschrieben?

 

Tessarek: Auf jeden Fall. Deshalb wollen die meisten noch nicht einmal eine Rechnung, damit bloß nicht auffällt, dass der Brief nicht selbst geschrieben ist. Ich versuche, mich so gut es geht in den Stil des Kunden hineinzuversetzen. Manchmal ist das anfangs schwierig, aber wenn ich erstmal drin bin, dann läuft es.

 

WDR.de: Was sollte in einem Liebesbrief unbedingt vorkommen, was geht gar nicht?

 

Tessarek: Ein Kunde wollte mal eine Dame kennenlernen, die er vom Sehen kannte, und ihr als erstes schreiben, dass er ihre hochhackigen roten Schuhe so toll fände. So etwas geht nicht, das kommt nicht an. Es sollte auch keinesfalls ein erotischer Brief sein. Erotische Details dürfen nur in kleinen Andeutungen vorkommen. Manche Kunden muss man darauf hinweisen, dass man Liebesbriefe nicht auf einem alten Pizzakarton oder einem herausgerissenen Zettel schreibt.

 

WDR.de: Wie steht's mit dem Satz "ich liebe dich"?

 

Tessarek: Eigentlich ist dieser Satz ein Muss in einem Liebesbrief. Aber wenn die Beziehung zum Beispiel noch sehr frisch ist, kann man ihn, um den anderen nicht zu verschrecken, auch mal weglassen. 

 

WDR.de: Mussten Sie schon einmal einen Auftrag ablehnen?

 

Tessarek: Manchmal beschreiben mir Kunden eine Beziehung, wo ich dann sage: Guck doch mal selber hin, für diese Beziehung gibt es doch gar keine Chance mehr. Ich will den Leuten nicht ihr Geld für ein sinnloses Unterfangen abnehmen. Wenn ich als Außenstehende auf den ersten Blick sehe: Das wird nichts mehr, oder eine Kundin wird von ihrem Angebeteten nur veräppelt – da mache ich nicht mit. Manche Menschen sind tatsächlich blind vor Liebe. Eine 17-Jährige wollte mit einem Liebesbrief ihren Ex-Freund zurückgewinnen. Er hatte sie verlassen, weil sie ihm zu unterwürfig war. In diesem Brief wollte sie praktisch auf die Knie vor ihm fallen. Ihr habe ich gesagt, dass sie mit einem solchen Brief das Gegenteil von dem erreichen würde, was sie sich wünschte. So ganz eingesehen hat sie das nicht. Sie wollte den Brief dann selber schreiben und hat mich um Tipps gebeten. Ich habe ihr gesagt, sie soll schreiben, was sie fühlt, aber unbedingt eine Nacht darüber schlafen, bevor sie ihn abschickt.

 

WDR.de: Gibt es Kunden, die einen Liebesbrief wollen, um ihn dann auf Facebook zu posten oder per SMS zu senden?

 

Tessarek: Einmal hatte ich eine Anfrage von einer Frau, die ihren Ex-Freund über Facebook beschimpfen wollte. Das habe ich aber auch abgelehnt. Es kommt öfters die Anfrage, ob man den Brief per E-Mail schicken kann. Dabei ist ein handgeschriebener Liebesbrief eigentlich ein Muss. Es muss nicht mit dem Füller sein, und es ist auch vollkommen egal, wenn die Schrift nicht schön ist. Ein hübsches Papier sollte man schon nehmen. Der Brief soll zeigen, dass der Verfasser sich Mühe gegeben hat.

 

WDR.de: Ganz spontan: Die ultimative Liebesbotschaft als Twitternachricht in 140 Zeichen?

 

Tessarek: Hm… schwierig. Ein Liebesbrief enthält Kosenamen, gemeinsame Erlebnisse – das ist eine ganz persönliche Angelegenheit, da gibt es nichts Allgemeingültiges.

 

Das Interview führte Nina Magoley.

Quelle: WDR